Holger Wüst, Fotomontage, 2018

Das Verschwinden der Körper

 

„In der Krise sehen wir uns plötzlich konfrontiert mit einem Misstrauen gegenüber dem Körper – den Körpern anderer und sogar gegenüber unserem eigenen Körper, dem „Haus“, in dem wir leben. Wir wissen nicht, was in unserem Inneren vorgeht und sind daher abhängig vom Wissen der Ärzt*innen, Wissenschaftler*innen und Politiker*innen. Nähe zu anderen, Berührungen, von einer Gemeinschaft umgeben zu sein und das Teilen von Atemluft bereiten uns Sorge…Diese Krise trifft uns nicht nur in unseren täglichen Gewohnheiten und unserer Praxis, sondern auch in dem, wer wir sind…“, sagt die Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker im Dezember 2020.

Auch uns (Nichttänzer*innen) fehlen die Körper. Wir sehen uns fast nur noch im Passbild Format hinter der Scheibe. Die Dreidimensionalität der Körperlichkeit, das Leibhaftigsein fehlt. Obwohl uns doch rein gar nichts so nah ist wie unser eigener Körper, verlieren wir dennoch sehr leicht den Kontakt zu ihm, gerade in diesen Zeiten. Wir verharren oft stundenlang in einer Position und bewegen uns kaum, atmen flach, bis sich unser Körper mit Verkrampfungen und Versteifungen „zu Wort“ meldet. Der Geist wandert stetig von einem zum anderen Gedanken und führt ein Eigenleben. Unser Bewusstsein bringt uns weg von uns selbst, von unseren Empfindungen. Unser Ganzsein ist aber vollkommen abhängig vom Zustand unseres Körpers und unseres Bewusstseins. Die Welt wirklich zu erleben, setzt voraus, sich zur Wahrnehmung der Dinge auch körperlich zu bewegen. Unser leibliches Verhältnis zur Welt ist zutiefst auf Bewegung bezogen, d.h. auf Wege, die wir gehen. Wenn wir uns nicht mehr bewegen, die Welt nicht mehr er-fahren, sondern nur noch er-sitzen, verkümmert auch unser Wahrnehmungsvermögen.

Wie verändern wir uns, wenn wir vor allem zweidimensional leben und kommunizieren? Wir wissen, dass sich die Plastizität des Gehirns nur durch Bewegung entwickelt. Dreidimensionales Denken fördert Kreativität – die Fähigkeit, sich immer wieder neu den gegebenen Umständen anzupassen. Beim Verharren im Gewohnten erstarren wir, es ist keine Potenzialentfaltung, keine Verhaltensänderung oder Weiterentwicklung möglich!

Prüfe bitte einmal jetzt deine Körperhaltung. Wie fühlen sich dein Rücken und deine Schultern an? Wie atmest du gerade? Wie oft lässt du dein Bewusstsein durch deinen Körper wandern und jede Region wahrnehmen? Hörst du auf die Signale, die er dir sendet? Folgst du deinem inneren Kompass? Wie gehst du mit dir um? Wie bewegst du dich in der Welt? Wie bewegt die Welt dich?

Insbesondere bei Stress verhalten wir uns sogar besonders körperfeindlich. Anstatt ihm genau dann etwas Gutes zu tun, neigen wir zur Vernachlässigung unseres Körpers und verlieren nicht selten auch den Blick für unser Umfeld. Es geht nicht nur darum, unsere Körper gesund zu halten oder zu heilen, sondern Bewusstheit zu entwickeln, Bedingungen zu schaffen, unter denen Entfaltung in einer gesünderen Welt möglich ist.

Was ist deine Absicht? Was willst du mit mehr Bewusstheit erreichen? 

Wenn auch du nicht nur funktionieren, sondern bewusst leben willst, biete ich dir gerne Unterstützung auf deinem Weg an. Dieser Weg ist für jede und jeden geeignet! Unabhängig von deiner Grundverfassung kannst du mit sanften, leichten Übungen* beginnen. Die Wahrnehmung von Körperabläufen kann zu einem täglichen Instrument werden, das bei Bedarf hervorgerufen werden kann, um geistige und emotionale Prozesse zu unterstützen und besser ins eigene Leben zu integrieren.

Anstatt vor Sorge zu erstarren und passiv zu sein, lade ich dich ein, offen und beweglich zu werden, so dass wir gemeinsam ganz organisch in die Zukunft hineinwachsen.

Andrea Klaßen, Februar 2021

 

*Feldenkrais-Bewegungslektionen online und als Podcast findest du auf meiner Website www.movingmatters.de/podcasts

Organisches Lernen ist grundlegend, daher unerlässlich. Es kann auch therapeutisch wirken.
Lernen ist gesünder, als Patient zu sein oder sogar als geheilt zu werden.

Moshé Feldenkrais

Moshé Feldenkrais in Amherst/MA, 1981

Sehen Sie hier Moshé Feldenkrais, wie er zu seiner Ausbildungsgruppe in Amherst/Massachusetts über erlernte Fähigkeiten spricht:
Einen tiefen Einstig in die Methode können Sie in den Büchern von Moshé Feldenkrais finden: In „Bewusstheit durch Bewegung“ verfasste er einen sehr guten Einstieg in die Denkweise der Feldenkrais-Methode. Weitere Bücher sind u.a. „Der Weg zum Reifen Selbst− Phänomene menschlichen Verhaltens“,  „Abenteuer im Dschungel des Gehirns − Der Fall Doris“, „Das Starke Selbst− Anleitung zur Spontanität“ und „Die Entdeckung des Selbstverständlichen“.